Mit Unsicherheiten und Unvohersagbarkeit umgehen lernen

Leben bedeutet, gesundheitlichen Risiken ausgesetzt zu sein. Nur wer tot ist, kann nicht mehr krank werden. Diesen Umstand verdrängen wir in einem gesunden Alltag gerne, umso mehr trifft es uns, wenn wir von Krankheit oder einer Bedrohung wie das Coronavirus betroffen sind. Im Gegensatz zu schweren Krankheiten, die jemanden individuell trifft, stellt diese Pandemie eine Situation dar, von der alle Menschen in praktisch allen Ländern der Welt betroffen sind.

Anders als zu Zeiten der Spanischen Grippe wissen wir zudem über die mediale Entwicklung der letzten Jahrzehnte fast in Echtzeit voneinander. Sie können nicht nur täglich die Fallzahlen in Ihrem Land, sondern überall auf der Welt verfolgen. Sie erhalten Informationen darüber, welche Gesundheitssysteme überlastet sind und wo dies zu menschlichen Dramen führt. Sie erfahren, welche Länder welche gesundheitspolitischen Massnahmen treffen. Sie sind aber auch Teil einer Gesellschaft, in der jeder und jede ähnlich und gleichzeitig unterschiedlich damit umgeht. Die Ereignisse in den letzten Wochen haben zu Entwicklungen geführt, die uns fremd vorkommen, es findet etwas statt, das für viele niemals denkbar gewesen wäre. Etwas, das wir in Horrorfilmen gesehen und Thrillern gelesen haben und dann mit einem Schauder aus dem Kino kamen oder das Buch auf die Seite gelegt haben. Diesen Film und diese Geschichte können wir nicht weglegen, sie findet hier, jetzt, in diesem Frühjahr 2020 statt. 

 

Auf eine erste Angewöhnungsphase folgt für viele eine weitere Phase der Unsicherheit. Wie lange wird dies dauern? Werden die Kinder nochmals zur Schule gehen vor dem Sommer? Was geschieht mit der Volkswirtschaft, wie lange halten wir finanziell durch, wie lange wird es dauern, bis wir uns finanziell wieder stabilisiert haben? Dürfen wir uns auf die Ferien im Sommer freuen oder fallen diese dem Virus bzw. dem Schutz der Gesundheit zum Opfer? Die unklare zeitliche Perspektive bedingt eine erneute Umstellung und Anpassung und erfordert viel Flexibilität, Offenheit und einen bewussten Umgang mit Unsicherheiten. 

Das ist allerdings alles andere als neu. Da wir naturgemäss nie wissen, was der nächste Tag bringen wird, gehen wir immer schon mit Unsicherheit um - ohne dass es uns bewusst ist. 

Die existentiellen Erfahrungen in diesem Frühjahr machen etwas mit uns persönlich, mit uns in unseren Gruppen, in denen wir uns bewegen, und mit unserer Gesellschaft. Es gibt verschiedene Reaktionen darauf. Im Vordergrund steht nicht die Frage, "habe ich recht oder denke ich die Wahrheit", sondern die Frage, "hilft mir dieser Gedanke oder diese Haltung, um mit meinen Sorgen und Unsicherheiten umgehen zu können":

Vergleiche mit anderen

Um die Unsicherheit vor dem weiteren Verlauf regulieren zu können, stellen wir vielleicht Vergleiche an. «Uns geht es noch besser als den Menschen in…» oder «In Familie X gibt es nun einen Fall, zum Glück betrifft es uns nicht.» 

Schuld zuweisen

Um mit Unsicherheit umzugehen, machen sich Einige darüber Gedanken, wie es überhaupt so kommen konnte. «Schuld sind die schlechten hygienischen Bedingungen auf den Märkten in China» oder «Hätte unsere Regierung frühzeitiger reagiert, wäre es nun nicht so weit gekommen» oder «All diejenigen, die nicht zu Hause geblieben sind, sind schuld an der Verbreitung des Virus.»

So tun als ob nichts wäre oder sich abschotten

Die massiven Eingriffe in unser Leben durch die Massnahmen zum Schutz einer schnellen Ausbreitung führen unweigerlich dazu, dass wir uns in unsere vier Wände zurückziehen. Dabei ist die Umsetzung dieser Massnahmen individuell unterschiedlich. Während einige versuchen, ein möglichst normales Leben aufrecht zu erhalten, weiterhin Kontakte pflegen, sich vielleicht sogar die Hände schütteln, grenzen sich andere sehr ab und vermeiden jeden möglichen Kontakt, wechseln die Strassenseite, wenn ihnen jemand entgegen kommt und vermeiden Lebensmittelläden, indem sie alles online bestellen. So tun als ob nichts wäre und Bagatellisieren kann auch eine Strategie gegen die Unsicherheit sein oder eine Reaktion auf den Eingriff in unsere Autonomie. Sich abschotten auf der anderen Seite ebenso.

Zynismus

Seit Beginn der Coronavirus-Krise gibt es unzählige deftige Witze, Sprüchen und Geschichten darüber. Aussagen wie «Es sterben halt jedes Jahr Leute an Grippe, jetzt sind es eben noch einige mehr wegen Corona» oder «Corona saniert die Altersvorsorge» irritieren stark, sind zynisch und nicht tragbar. Diese Form von Zynismus kann bei einigen Menschen im Umgang mit allen schwierigen Lebensthemen beobachtet werden, sie hilft vielleicht, eine innere Distanz zu finden.

Wissen anhäufen, Zukunftsprognosen stellen

Um mit Unsicherheit umzugehen, haben viele Menschen begonnen, die Situation über die mediale Berichterstattung gut im Blick zu behalten. Wissen gibt Halt, Orientierung, ein Gefühl von Kontrolle und hilft, einen eigenen Weg zu finden (aber wie wir im Beispiel von Carina gesehen haben, manchmal nur eine kurzfristige Entlastung). Prognosen stellen gibt eine Perspektive, ob diese schliesslich zutreffen oder nicht, kann zum Zeitpunkt der Aussage ja nicht überprüft werden.

Optimismus und Humor

Bei vielen Menschen kann eine Form von Optimismus und Humor beobachtet werden. Die Grundüberzeugung, dass es irgendwie gut kommen wird, dass dies eine sehr schwierige Zeit ist, die wir gemeinsam aber schaffen können und es sich dafür lohnt, sich an die Regeln zu halten, fallen in diesen Bereich.

Solidarität und Unterstützung

Auf sehr eindrückliche Weise lässt sich täglich beobachten, dass diese globale Krise Menschen näherbringen kann. Wir alle teilen die gleichen Herausforderungen, uns in einem völlig veränderten Alltag zu orientieren und zu organisieren. Es gibt Initiativen für die Betreuung von Kindern oder für das Einkaufen für Menschen aus Risikogruppen. Diese Form von gemeinsamem Tragen zeugt von gegenseitigem Mitgefühl, macht Mut, setzt Zeichen, bringt Menschen zueinander anstatt voneinander weg. Geben und Nehmen werden Teil des gemeinsamen Lebens und dies auf einer sehr grundlegenden Ebene der zwischenmenschlichen Interaktion, da vieles, was uns sonst davon ablenkt, geschlossen ist.

Akzeptanz 

Vielen gelingt es auch, sich relativ rasch immer wieder an die Veränderungen anzupassen. Aussagen wie «Es ist wie es ist, machen wir das Beste daraus» oder «Es hilft mir nichts, mich darüber zu ärgern, das ändert ja nichts an den Tatsachen ausser, dass ich neben eingeschränkt auch noch ärgerlich wäre» sind Zeichen von offener Akzeptanz. Aber auch das Annehmen von all den schwierigen Gefühlen und Gedanken und die Haltung, diese als Teil des Momentes wahrzunehmen und wieder loszulassen, sind eine Form von Akzeptanz.

Krise als Chance sehen

Bei gewissen Menschen löst die aktuelle Situation einen Prozess aus, in dem sie sich neu orientieren und ausrichten. So beispielsweise die Frau, die die Zeit, in der sie ihrer Beschäftigung nicht nachgehen kann, nutzt, um Italienisch zu lernen, um damit bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Die eingeschränkte Mobilität und der Rückgang in der Produktion ist für die Klimabedrohung eine gute Nachricht. Nachdem es lange fast undenkbar erschien, dass wir uns im Konsum- und Reiseverhalten einschränken zugunsten des Klimas, ist dies innerhalb von wenigen Wochen gelebte Realität geworden. Auch Aussagen über das positiv erlebte Zusammenrücken in der Familie, die Zeit, die plötzlich für gemeinsames Essen da ist und über die Erfahrung, dass weniger manchmal auch mehr sein kann, ist eine Umbewertung der Belastungen, die durch die Massnahmen im Rahmen der Pandemie entstehen.

Erkennen Sie sich in einigen Punkten wieder? Was klingt bei Ihnen an, was hört sich stimmig an? Gibt es Reaktionsweisen, denen Sie mehr Beachtung schenken wollen, um mit Unsicherheit und Angst umgehen zu können?

Im nächsten Teil Die eigenen Werte klären laden wir Sie ein, sich über das, was Ihnen in Ihrem Leben wirklich wichtig ist, Gedanken zu machen. Dies ist eine Möglichkeit, eine bewusste Wahl zu treffen, worauf Sie in Ihrem Leben den Fokus legen wollen.  

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