Was geschieht im Gehirn bei Bedrohung

Bei der Konfrontation mit etwas Bedrohlichem reagieren im Menschen vor allem zwei grosse Systeme im Gehirn. Diese prägen unsere Reaktionen und unser Erleben massgeblich. Ein erstes System reagiert zwar blitzschnell, analysiert die Situation aber etwas ungenau. Über die Sinnesreize – also beispielsweise, wenn Sie ein dramatisches Bild von einer Notaufnahme in einer Zeitung sehen oder Sie jemand laut anhustet – gelangen Signale zum Mandelkern. Dieser, auch Amygdala genannt, ist Teil des limbischen Systems und beurteilt innerhalb von Millisekunden ob das, was Sie gesehen oder gehört haben, bedrohlich ist für Sie. Auf einen Bedrohungsalarm reagieren dann weitere physiologische Systeme Ihres Körpers: das Herz beginnt schneller zu schlagen, der Blutdruck steigt an oder es wird Ihnen heiss oder schwindlig.

 

Der zweite Mechanismus aktiviert die Hirnrinde. Er entwickelt sich langsamer, die Situation wird aber viel genauer analysiert. In der Hirnrinde werden Gedächtnisinhalte abgerufen, also bspw. alles, was Sie bisher über das Virus, dessen Ausbreitung und Gefährlichkeit gelesen haben. Wenn Sie nachdenken, sich erinnern, planen, Ihre Wahrnehmungen ordnen, sich sorgen und vieles mehr, ist die Hirnrinde aktiv. In einem Teil der Hirnrinde, dem präfrontalen Cortex, werden die emotionalen Reize aus dem limbischen System in bewusst wahrnehmbare Gefühle umgewandelt. Eine Angst oder ein Ärger, die Sie vielleicht erleben, wenn Sie jemanden neben sich laut husten hören, ist also eine Endleistung des präfrontalen Cortex. Coronavirus-Angst und -Sorgen können wir also als Aktivität der Hirnrinde verstehen. Eine für das Verständnis von übermässiger Angst und Sorgen wichtige weitere Rolle spielen Lernprozesse auf der Ebene des Gehirns. Je öfter Sie über die Erkrankung lesen, desto mehr Raum nimmt diese im kognitiven System ein. Und wenn das Gelesene jeweils mit Sorgen und Ängsten verbunden ist, werden sich auch diese Verbindungen über die Zeit hinweg stärken. Damit kommt ein die Angst aufrechterhaltender und verstärkender Prozess in Gange. 

Reaktionen auf Bedrohung

Eine wichtige Funktion der Hirnrinde ist die Planung von Verhalten auf Bedrohung. Dabei können Angst und Sorgen funktional sein und dazu führen, dass wir uns sorgfältig um unsere Gesundheit kümmern oder bei ersten Krankheitssymptomen zu Hause bleiben. Die emotionalen Reaktionen können aber auch übermässig ausfallen und sich vom Ausmass der realen Bedrohung lösen. Sie können dann wenig hilfreiche Bewältigungsstrategien aktivieren und bspw. dazu führen, dass wir argwöhnisch andere Menschen zu beobachten beginnen, übermässig das Internet nach Katastrophenmeldungen zu Covid-19 absuchen, das Haus gar nicht mehr verlassen, obwohl dies noch zu verantworten wäre oder übermässig bis zwanghaft Hygienehandlungen ausführen.

Wichtig ist es zu verstehen, dass das Verhalten dabei auf die Kontrolle der Angst abzielt, eine Reduktion der Ansteckungsgefahr damit aber nicht unbedingt erreicht wird. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Aufrechterhaltung von Krankheitsängsten zeigen zudem, dass diese Kontrollstrategien höchstens kurzfristig wirksam sind. In der Regel halten sie die Angst mittelfristig nicht nur aufrecht, sondern verstärken diese sogar.

Bedrohung durch Coronavirus

Was lässt sich daraus für den Umgang mit der Coronavirus-Erkrankungsgefahr ableiten?

Das menschliche Gefahrensystem im Gehirn leistet einen guten Dienst, indem die Situation von Gesundheitsexperten frühzeitig erkannt wurde, laufend analysiert wird und entsprechende Verhaltensmassnahmen etabliert wurden. Darunter fallen alle Verhaltensmassnahmen und Schritte, die eine zu rasche Verbreitung des Virus verhindern sollen. Dies mit dem Ziel, dass die Spitäler für den niedrigen Prozentsatz der Patienten, der aufgrund der COVID-19-Erkrankung Komplikationen entwickelt, genügend Kapazitäten haben. Die Aufklärung der letzten Wochen, die politischen Entscheide, die individuelle Umgestaltung des Alltags mit allen planerischen Herausforderungen sind nur möglich, da wir über hochentwickelte Hirnstrukturen verfügen.

 

Andererseits kann das Gefahrensystem des Gehirns aber auch zu stark aktiviert sein und zu übermässiger Angst und Sorgen sowie übervorsichtigem Verhalten führen. Übermässig in dem Sinne, dass Gefahren überschätzt werden und zu Verhaltensweisen führen, die Angst und Sorgen mittelfristig verstärken anstatt beruhigen.

Was beobachten Sie an sich selbst, wenn Sie unter starker Angst leiden? Viele Menschen berichten, dass sich bei Angst ihr Herzschlag verstärkt, die Atmung flacher und schneller wird, einige husten dabei oder es wird ihnen leicht schwindlig. Diese Symptome sind Teil der physiologischen Angstreaktion und haben evolutionsbiologisch gesehen einen Nutzen - sie dürfen nicht mit den Anzeichen der Covid-19-Erkrankung verwechselt werden. 

Was tun

In einem ersten Schritt wollen wir verstehen, wie sich bei Ihnen Angst und Sorgen auf einer emotionalen, kognitiven und Verhaltensebene zeigen. Anschliessend versuchen wir zu erkennen, welche Gedanken und Reaktionsweisen hilfreich sind für den Umgang mit den Gefühlen von Angst und Panik und welche diese mittelfristig eher verstärken. 

Im Abschnitt Wie reagiere ich auf Angst finden Sie die entsprechenden Materialien.

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